Andesin ist ein Plagioklas aus der Mitte der Mischkristallreihe zwischen Albit und Anorthit, mineralogisch unauffällig und weltweit häufig. Bekannt wurde der Name ab 2005 durch rotes und grünes Material angeblich tibetischer Herkunft, bei dem Labore in aller Welt Kupferdiffusion nachwiesen – einer der am besten dokumentierten Behandlungsfälle der jüngeren Farbsteingeschichte.
Andesin – die Kennzahlen
| Eigenschaft | Wert |
|---|---|
| Mineralklasse | Silikate und Germanate, Gerüstsilikate (Tektosilikate) ohne zeolithisches Wasser, Feldspatgruppe, Plagioklasreihe. Andesin ist nach heutiger Systematik kein eigenständiges Mineral: minerals.net vermerkt ausdrücklich, dass die IMA Andesin nicht als eigene Spezies anerkennt, während das ältere Dana-System es getrennt führt; die englischsprachige Wikipedia gibt den IMA-Status der Plagioklase als „Mineralreihe“ an. |
| Chemische Formel | (Na,Ca)(Al,Si)4O8, ausführlicher Na0,5–0,7Ca0,3–0,5Al1,3–1,5Si2,5–2,7O8 (Wikipedia); steine-und-minerale.de schreibt (Na,Ca)(Si,Al)4O8. Andesin umfasst 30 bis 50 Molprozent Anorthit, geschrieben An30 bis An50, entsprechend einem Verhältnis Natrium zu Calcium von etwa 70:30 bis 50:50. |
| Kristallsystem | triklin. Die Plagioklase sind nach Wikipedia typisch polysynthetisch verzwillingt und zeigen auf {010} Streifung; daneben treten Karlsbader, Baveno- und Manebach-Zwillinge auf. Tafelige Kristalle nach steine-und-minerale.de. |
| Mohs-Härte | 6 bis 6,5 – übereinstimmend bei Wikipedia, minerals.net, steine-und-minerale.de und der International Gem Society. |
| Dichte | 2,66 bis 2,68 g/cm³ nach Wikipedia, minerals.net und steine-und-minerale.de; die IGS gibt 2,65 bis 2,69 an. An tibetischem Rohmaterial maßen Abduriyim und Mitarbeiter 2011 jedoch 2,67 bis 2,72, weil ein Teil der Proben mit bis zu An58 schon im Labradoritfeld lag. Entlang der Reihe steigt die Dichte laut Wikipedia gleichmäßig von 2,62 (Albit) auf 2,76 (Anorthit), rund 0,02 je zehn Prozent Anorthitanteil. |
| Brechungsindex | Spanne, kein fester Wert. Wikipedia nennt nα 1,543–1,554, nβ 1,547–1,559, nγ 1,552–1,562; die IGS verkürzt auf 1,543–1,551. Am tibetischen Material wurden 2011 nα 1,550–1,552, nβ 1,555–1,557 und nγ 1,560–1,561 gemessen. Für die gesamte Plagioklasreihe gibt Wikipedia 1,53 bis 1,58 an. Zweiachsig, 2V 76 bis 83 Grad (Wikipedia) beziehungsweise 76 bis 86 Grad (IGS); an Tibet-Material optisch positiv. |
| Doppelbrechung | 0,009 nach Wikipedia, 0,008 nach IGS und GemSelect, 0,009 bis 0,010 nach den Messungen von Abduriyim und Mitarbeitern (2011). |
| Glanz | Glasglanz bis Perlmuttglanz (Wikipedia: subvitreous to pearly; minerals.net: vitreous to pearly); auf Spaltflächen perlmuttartig. |
| Spaltbarkeit | vollkommen nach {001}, gut nach {010}. Über den Winkel der beiden Spaltflächen widersprechen sich die Quellen: Handelsquellen wie gempiece und skyjems nennen rund 86 Grad, die Wikipedia zu Plagioklas 93 bis 94 Grad, minerals.net schlicht „etwa 90 Grad“. Gemeint ist derselbe, nur wenig von 90 Grad abweichende Winkel, je nachdem welcher der beiden Nebenwinkel gemessen wird. |
| Bruch | uneben bis muschelig, spröde (Wikipedia: uneven to conchoidal, brittle; minerals.net: subconchoidal to uneven). |
| Transparenz | durchsichtig bis durchscheinend (Wikipedia, minerals.net); die IGS erweitert bis undurchsichtig, weil derbes und stark getrübtes Material im Handel vorkommt. Strichfarbe weiß. |
| Farben | farblos, weiß, grau, creme, gelb, blassgrün (minerals.net); weiß, grau, grün, gelb bis fleischrot (Wikipedia). Kräftiges Rot, Orangerot und Grün stammen entweder von natürlichem Kupfer oder von Kupferdiffusion. Pleochroismus am tibetischen Material schwach, rot zu grün. |
| Wichtigste Fundorte | Marmato in Kolumbien als Typlokalität (Wikipedia; minerals.net verortet den Marmato-Distrikt abweichend in Bolivien). Edelsteintauglich: Bainang County rund 55 Kilometer südöstlich von Shigatse in Tibet mit den Stellen Zha Lin, Yu Lin Gu und Nai Sa; Guyang County in der Inneren Mongolei (Dörfer Hai Bou Zi und Shui Quan) als Quelle des blassgelben Ausgangsmaterials; dazu Kongo als umstrittene Handelsangabe. Der kupferhaltige Sonnenstein aus Oregon (Ponderosa Mine, Harney County; Dust Devil und Sunstone Butte, Lake County) ist mit rund An70 kein Andesin, sondern Labradorit. |
| Behandlungen | Kupferdiffusion. Zhou, Wang und Shen wiesen 2022 in Gems & Gemology nach, dass eine Behandlung mit einem Gemisch aus CuO und ZrO2 bei 1170 Grad Celsius über 72 Stunden den Kupfergehalt von 0,1 bis 18,6 ppmw auf 217,7 bis 1086,0 ppmw hebt. Behandelte Ware ist deklarationspflichtig. GIA berichtete infolge der Untersuchungen für dieses Material, die Farbursache lasse sich derzeit nicht bestimmen. |
| Erstbeschreibung | 1841. steine-und-minerale.de nennt Hermann von Abich als Namensgeber und „Pseudoalbit“ als ursprüngliche Bezeichnung; Wikipedia bestätigt das Jahr 1841 und erklärt den Namen mit der Häufigkeit des Feldspats in den Andesitlaven der Anden. |
Ein Reihenglied, kein eigenständiges Mineral
Andesin bezeichnet den Abschnitt der Plagioklasreihe zwischen 30 und 50 Molprozent Anorthit. Die Reihe verläuft lückenlos von Albit zu Anorthit, und die Namen der Zwischenglieder sind Ordnungsbegriffe der Petrographie, keine eigenen Spezies. minerals.net hält ausdrücklich fest, dass die IMA Andesin nicht als eigenständiges Mineral führt; die englischsprachige Wikipedia gibt den Status der Plagioklase als Mineralreihe an. Für Sie als Käufer hat das eine praktische Folge: Weil sich Chemismus, Dichte und Brechungsindex entlang der Reihe stetig verschieben, sind alle Kennzahlen Spannen. Die Dichte steigt laut Wikipedia gleichmäßig von 2,62 bei reinem Albit auf 2,76 bei reinem Anorthit, der Brechungsindex von rund 1,53 auf 1,58. Ein Andesin liegt irgendwo dazwischen, und zwei Steine mit demselben Handelsnamen können messbar verschiedene Werte liefern, ohne dass einer davon falsch deklariert wäre. Wer einen Feldspat allein über Brechungsindex und Dichte einem Reihenglied zuordnen will, arbeitet deshalb mit einer Wahrscheinlichkeit, nicht mit einem Beweis.
Der Fall, der ab 2005 den Farbsteinmarkt beschäftigte
Die Chronologie, die Richard W. Hughes für GIA zusammengestellt hat, beginnt 2002: In jenem Jahr taucht rotes Plagioklas angeblich kongolesischer Herkunft am Markt auf, und am 20. September 2002 werden einem Professor aus Xi’an 23 Notizbücher entwendet, die ein Verfahren zur Kupferdiffusion beschreiben sollen. Im Februar 2005 fragt Dana Schorr auf der Tucson-Messe erstmals öffentlich nach einer möglichen Behandlung. Im Oktober 2005 reicht Jackie Li von Do Win Development Co. Ltd. aus Tianjin einen roten Andesin als „Tibetan Sunstone“ aus Nyemo bei GIA ein. Am 10. Februar 2008 erklärt Jewelry Television im eigenen Blog, das verkaufte rote und grüne Material sei behandelte Ware aus der Mongolei. Am 12. November 2008 zeigen John Emmett und Troy Douthit experimentell, dass sich Kupfer tatsächlich in Andesin eindiffundieren lässt. Danach folgen drei Expeditionen nach Tibet, zwei Untersuchungsreisen des chinesischen NGTC und 2011 zwei ausführliche Arbeiten in Gems & Gemology.
Wie die Labore den Nachweis führten
Die klassische Gemmologie half nicht weiter: Abduriyim und Mitarbeiter stellten 2011 fest, dass sich tibetisches und nachweislich behandeltes Material in Brechungsindex, Dichte und Chemismus weitgehend überlappen – bekannt behandelte Proben lagen bei An47 bis An50, Zha-Lin-Proben bei An49 bis An50. Weiter kamen die Labore mit Spurenelementen und Isotopen. Bei behandelten Steinen nimmt der Kupfergehalt vom Rand zum Kern ab, bei tibetischem Material war er gleichmäßig verteilt. Das Verhältnis 40Ar zu 36Ar lag bei einer nachweislich behandelten chinesischen Probe bei 650, bei Proben aus Zha Lin zwischen 3884 und 6434 und bei Yu-Lin-Gu-Proben zwischen 11525 und 11685 – hohe Werte sprechen gegen eine Erhitzung. George Rossman wies 2011 zusätzlich kupferhaltige Flussmittelreste auf Rohsteinen nach. 2022 kam mit der Fluoreszenz ein weiteres Kriterium hinzu.
Was heute im Handel angeboten wird
Unbehandelt und unstrittig ist blassgelbes bis farbloses Material, wie es aus Guyang County in der Inneren Mongolei stammt; chinesische Fachliteratur beschreibt es laut Hughes bereits seit 1991, also lange vor dem Aufkommen der roten Ware. Rote und grüne Steine werden weiterhin angeboten, häufig als „Andesin-Labradorit“. Preislich bewegt sich das Material im unteren Bereich: Gemval führte am 21. September 2026 für mittleres Rot 33,77 bis 38,76 US-Dollar je Karat und für hellgelbes Material 6,86 bis 7,87 US-Dollar je Karat, jeweils bei ein bis zehn Karat und angenommener Reinheit VVS. Ein deutscher Händler verlangt für einen runden Stein von 5,65 Karat 49 Euro, also rund neun Euro je Karat. Zum Vergleich: Für einen unbehandelten Oregon Sunstone von 1,68 Karat ruft ein Idar-Obersteiner Händler 220 Euro auf, rund 131 Euro je Karat.
Alle Themen im Überblick
Kurz gefasst
Kaufen Sie Andesin als das, was er ist: ein preiswerter, hübscher Feldspat mit einer bemerkenswerten Handelsgeschichte. Blassgelbe und farblose Steine sind unproblematisch und für wenige Euro je Karat zu haben. Bei rotem und grünem Material sollten Sie davon ausgehen, dass es kupferdiffundiert ist, solange nichts anderes belegt ist – und Sie sollten dafür auch nur den entsprechenden Preis zahlen, also die von Gemval genannte Größenordnung von rund 20 bis 39 US-Dollar je Karat. Wer natürliches, kupfergefärbtes Feldspat sucht, kauft besser Oregon Sunstone mit Fundortangabe. Lassen Sie sich die Behandlung in jedem Fall schriftlich bestätigen.
Die mineralogischen Kennzahlen dieses Clusters wurden gegen mineralogische Fachquellen und Laborberichte abgeglichen; Preisangaben sind Handelsspannen und keine verbindlichen Notierungen.
Über dieses Lexikon
Die Angaben zu Andesin stammen aus dem Lexikon von Edelsteine-24 – Direktimport seit 2002 mit eigenem gemmologischem Labor. Die Inhalte richten sich an Käufer, Sammler und alle, die den Stein fachlich einordnen möchten.
