Aragonit ist das Lehrbuchbeispiel für Polymorphie: Er hat dieselbe Formel wie Calcit, CaCO3, kristallisiert aber orthorhombisch statt trigonal und ist an der Erdoberfläche die instabile der beiden Formen. Im Handel begegnet er Ihnen vor allem als rotbrauner „Sputnik“ aus Marokko und als Eisenblüte aus der Steiermark — und, kaum jemand denkt daran, als Perlmutt jeder Perle.
Aragonit – die Kennzahlen
| Eigenschaft | Wert |
|---|---|
| Mineralklasse | Karbonate ohne zusätzliche Anionen, Aragonitgruppe (Strunz 5.AB.15), gemeinsam mit Cerussit, Strontianit und Witherit |
| Chemische Formel | CaCO3; Calcium teilweise ersetzbar durch Strontium, Blei, Zink und Barium, dazu geringe Gehalte an Magnesium |
| Kristallsystem | orthorhombisch, Raumgruppe Pmcn (Nr. 62); a = 4,96 Å, b = 7,96 Å, c = 5,74 Å, Z = 4; zyklische Drillinge nach {110} erzeugen pseudohexagonale Säulen |
| Mohs-Härte | 3,5 bis 4; eine halbe bis eine ganze Stufe härter als Calcit mit 3 |
| Dichte | 2,94 g/cm³ (Bereich 2,93 bis 2,95); Calcit liegt bei 2,71 g/cm³ — der deutlichste Trennwert zwischen beiden |
| Brechungsindex | nα 1,530, nβ 1,680, nγ 1,685 (Natriumlicht); Calcit dagegen 1,486 bis 1,658 |
| Doppelbrechung | 0,155, optisch zweiachsig negativ, 2V etwa 18 bis 19 Grad, parallele Auslöschung |
| Glanz | Glasglanz, auf Bruchflächen harzig bis fettig; Strich weiß |
| Spaltbarkeit | deutlich nach {010}, undeutlich nach {110}; die rhomboedrische Spaltbarkeit des Calcits fehlt vollständig |
| Bruch | unvollkommen muschelig bis splittrig, spröde |
| Transparenz | durchsichtig bis undurchsichtig |
| Farben | farblos, weiß, grau, gelb, honigbraun, rotbraun, rosa, grünlich, bläulich, violett |
| Wichtigste Fundorte | Molina de Aragón, Guadalajara (Spanien, Typlokalität); Minglanilla bei Cuenca (Spanien); Tazouta bei Sefrou, Mittlerer Atlas (Marokko, die „Sputniks“ des Handels); Erzberg bei Eisenerz in der Steiermark (Österreich, Eisenblüte); Karlovy Vary (Tschechien, Sprudelstein und Erbsenstein); Ochtiná (Slowakei); Agrigent auf Sizilien (Italien); Bahamabank (Ooidsand) |
| Behandlungen | Färbung heller, poröser Ware verbreitet, vor allem in Blau und Grün; Tränkung mit Kunstharz zur Festigung zerbrechlicher Aggregate; Brennen und Bestrahlung unüblich, da Hitze das Mineral in Calcit umwandelt |
| Erstbeschreibung | 1797 von Abraham Gottlob Werner nach der Typlokalität Molina de Aragón in der historischen Region Aragonien benannt; das Material galt zuvor als Apatit, bis Martin Heinrich Klaproth nachwies, dass es keinen Phosphor enthält |
Dieselbe Formel, zwei verschiedene Minerale
Aragonit und Calcit bestehen beide aus Calciumcarbonat, CaCO3, und sind trotzdem zwei eigenständige Minerale. Der Unterschied liegt allein im Bauplan: Calcit ordnet seine Calciumionen und Carbonatgruppen trigonal an, Aragonit orthorhombisch in der Raumgruppe Pmcn. Mineralogen nennen das Polymorphie, und kein Beispiel wird in Lehrbüchern häufiger zitiert als dieses Paar. Daraus folgt weit mehr als eine akademische Feinheit. Die dichtere Packung des Aragonits hebt die Dichte von 2,71 auf 2,94 Gramm je Kubikzentimeter und die Härte von 3 auf 3,5 bis 4. Gleichzeitig verliert der Aragonit die berühmte rhomboedrische Spaltbarkeit des Calcits und spaltet nur noch deutlich nach einer einzigen Fläche. Unter den Bedingungen an der Erdoberfläche ist Aragonit die instabile Form. Er entsteht dort zwar ständig neu, wandelt sich aber über geologische Zeiträume in Calcit um. Deshalb ist Aragonit, der älter als das Karbon ist, praktisch nicht überliefert.
Vier Prüfungen, die Aragonit von Calcit trennen
Beide Minerale brausen mit verdünnter Salzsäure, beide haben einen weißen Strich, beide können farblos sein. Vier Prüfungen trennen sie dennoch zuverlässig. Erstens die Dichte: 2,94 gegen 2,71 Gramm je Kubikzentimeter. In Bromoform mit 2,89 Gramm je Kubikzentimeter sinkt Aragonit, Calcit schwimmt auf. Zweitens der Brechungsindex. Calcit liegt zwischen 1,486 und 1,658, Aragonit zwischen 1,530 und 1,685; der niedrige Wert des Calcits ist auf dem Refraktometer unverwechselbar. Drittens die Spaltbarkeit. Zerschlagen Sie ein Calcitstück, zerfällt es in lauter kleine Rhomboeder. Aragonit tut das nicht, er bricht muschelig und splittrig. Viertens die Meigen-Reaktion: Kochen Sie etwas Pulver einige Minuten in verdünnter Kobaltnitratlösung, färbt sich Aragonit lila bis violett, während Calcit nahezu ungefärbt bleibt. Diese Probe kostet wenig und ist am Handstück in wenigen Minuten erledigt.
Die „Sputniks“ aus dem Mittleren Atlas
Fast alles, was heute als Aragonit über den Ladentisch geht, stammt aus Marokko. In den Tonen und Mergeln bei Tazouta südlich von Sefrou, am Nordrand des Mittleren Atlas, wachsen zyklische Drillinge zu igelförmigen Aggregaten zusammen. Jeder einzelne Kristall ist eine pseudohexagonale Säule aus drei nach {110} verzwillingten Individuen; Dutzende davon strahlen von einem gemeinsamen Zentrum nach außen. Der Handel nennt diese Kugeln „Sputnik“ oder Kristalligel. Die rotbraune bis orangebraune Farbe stammt von feinverteilten Eisenoxiden aus dem umgebenden Sediment, die Kristallspitzen bleiben häufig hell und durchscheinend. Typische Stücke messen 4 bis 10 Zentimeter und kosten im deutschen Fachhandel etwa 8 bis 35 Euro. Damit sind sie die günstigste Möglichkeit, eine lehrbuchreife Drillingsbildung ins Regal zu stellen — und zugleich der Grund, weshalb viele Sammler Aragonit ausschließlich in dieser einen Form kennen.
Perlmutt, Perlen und Riffkorallen bestehen aus Aragonit
Der weitaus größte Teil des Aragonits auf der Erde ist nicht mineralisch, sondern biologisch entstanden. Muscheln und Schnecken bauen ihre Perlmuttschicht aus Aragonitplättchen von wenigen hundert Nanometern Dicke, verklebt durch das Eiweiß Conchiolin. Perlen bestehen aus demselben Material. Auch die Skelette der riffbildenden Steinkorallen sind Aragonit, und der Ooidsand der Bahamabank ist anorganisch ausgefällter Aragonit. Die Edelkoralle des Mittelmeers gehört dagegen nicht dazu: Sie baut ihr Skelett aus magnesiumreichem Calcit. Auch hier trennt also die Kristallstruktur, nicht die Chemie. Interessant ist der Widerspruch im Handel: Perle und Perlmutt gelten als tragbar, reiner Aragonit als empfindlich. Der Unterschied liegt nicht im Mineral, sondern im Aufbau. Der Verbund aus Plättchen und organischem Kleber lenkt Risse ab und macht Perlmutt um ein Vielfaches zäher als einen gewachsenen Aragonitkristall. Die Pflegeregeln bleiben dieselben: keine Säure, kein Ultraschall.
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Kurz gefasst
Kaufen Sie Aragonit als das, was er ist: ein hervorragendes Anschauungsobjekt und ein dekorativer Sammlerstein, kein Gebrauchsschmuckstein. Für 8 bis 35 Euro bekommen Sie einen marokkanischen Sputnik mit lehrbuchreifer Drillingsbildung, und das ist der beste Gegenwert im ganzen Angebot. Achten Sie auf unbeschädigte Kristallspitzen und lassen Sie gefärbte blaue oder grüne Ware stehen. Wer facettierte Steine sammelt, zahlt 25 bis 240 Euro je Karat und kauft Seltenheit, nicht Brillanz. Für den Körper wählen Sie Anhänger in Zargenfassung. Säure und Ultraschall bleiben in jedem Fall außen vor.
Die mineralogischen Kennzahlen dieses Clusters wurden gegen mineralogische Fachquellen und Laborberichte abgeglichen; Preisangaben sind Handelsspannen und keine verbindlichen Notierungen.
Über dieses Lexikon
Die Angaben zu Aragonit stammen aus dem Lexikon von Edelsteine-24 – Direktimport seit 2002 mit eigenem gemmologischem Labor. Die Inhalte richten sich an Käufer, Sammler und alle, die den Stein fachlich einordnen möchten.
