Bernstein Lexikon

Bernstein – fossiles Baumharz aus 44 Millionen Jahren

Bernstein ist kein Mineral, kein Gestein und kein Kristall – er ist der ausgehärtete Lebenssaft eines Waldes, den es seit 44 Millionen Jahren nicht mehr gibt. Kein anderes Material im Edelsteinhandel trägt seine eigene Erdgeschichte so sichtbar in sich.

Was ist Bernstein?

Bernstein ist fossiles Baumharz. Er entstand, als Nadelbäume Harz absonderten – bei Verletzungen der Rinde, bei Insektenbefall, bei Hitze oder Sturmschäden. Dieses Harz floss aus, härtete an der Luft an und wurde später in Sedimenten eingebettet. Über Jahrmillionen verlor es seine flüchtigen Bestandteile und polymerisierte zu einem stabilen, amorphen organischen Feststoff.

Damit unterscheidet sich Bernstein grundsätzlich von allen anderen Steinen im Schmuckhandel: Er hat keine Kristallstruktur, keine Spaltbarkeit, keine definierte chemische Formel. Mineralogisch ist er kein Mineral. Im Edelsteinhandel zählt er dennoch traditionell zu den Edelsteinen – gemeinsam mit Perle, Koralle, Elfenbein, Jet und Ammolit bildet er die Gruppe der organischen Edelsteine, also jener Schmuckmaterialien, die von Lebewesen hervorgebracht wurden.

Wie Bernstein entsteht – vom Harztropfen zum Fossil

Die Entstehung verläuft in drei Phasen, und nur die dritte macht aus Harz wirklich Bernstein.

1. Der Harzfluss

Im Eozän, vor etwa 44 bis 48 Millionen Jahren, bedeckte ein ausgedehnter, subtropisch warmer Wald weite Teile Fennoskandiens – der sogenannte Bernsteinwald. Die harzliefernden Bäume waren Nadelgehölze; als Erzeugerpflanze des baltischen Bernsteins wurde traditionell eine Kiefernart namens Pinus succinifera angenommen. Neuere paläobotanische und chemische Untersuchungen deuten eher auf Verwandte der Schirmtanne (Sciadopitys) hin. Endgültig geklärt ist die botanische Herkunft bis heute nicht.

2. Einbettung und Transport

Harz an der Luft überdauert keine geologischen Zeiträume – es oxidiert und zerfällt. Entscheidend war deshalb die rasche Einbettung in sauerstoffarmes Sediment. Flüsse transportierten das Harz aus Skandinavien nach Süden; der wichtigste dieser Urströme wird in der Geologie als Eridanus bezeichnet. In seinem Delta – im Bereich der heutigen Danziger Bucht – lagerte sich das Material ab.

Dort bildete sich die berühmte Blaue Erde: eine graugrüne, schluffig-sandige Meeresablagerung, deren Farbe vom Mineral Glaukonit stammt. Sie ist bis heute die reichste Bernsteinlagerstätte der Welt. Blau ist sie übrigens nicht wirklich – der Name täuscht.

3. Diagenese – die eigentliche Fossilwerdung

Unter Druck, Sauerstoffabschluss und moderater Wärme vernetzten sich die Harzmoleküle über Jahrmillionen zu langen Ketten. Flüchtige Terpene entwichen, das Material wurde härter, spröder und chemisch beständig. Erst am Ende dieses Prozesses steht Bernstein. Harz, das diesen Weg nur zur Hälfte gegangen ist, heißt Kopal – und genau diese Zwischenstufe sorgt im Handel bis heute für die meisten Verwechslungen.

Steckbrief: Bernstein in Zahlen

EigenschaftBernstein (Succinit)
MaterialklasseFossiles Baumharz, amorph – organischer Edelstein, kein Mineral
Alter (baltisch)44–48 Millionen Jahre (Eozän)
Alter (dominikanisch)15–40 Millionen Jahre (Oligozän–Miozän)
Mohshärte2–2,5 – weicher als eine Kupfermünze
Dichteca. 1,05–1,09 g/cm³ – schwimmt in gesättigter Salzlösung, nicht in Süßwasser
Brechungsindexca. 1,54
Bernsteinsäure3–8 % – kennzeichnend für baltischen Succinit
Erweichungab ca. 150 °C weich, ab ca. 300 °C Zersetzung
Fluoreszenzunter UV meist bläulich bis grünlich – bei dominikanischem Material besonders auffällig
Elektrostatiklädt sich beim Reiben an Wolle auf und zieht Papierschnitzel an
FarbenGelb, Honig, Cognac, Braun, Weiß, Rot; selten Grün, Blau, Schwarz
HauptlagerstätteSamland (Jantarny, Kaliningrader Gebiet) – über 75 % der Weltförderung

Woher der Name kommt

Die Wortgeschichte des Bernsteins ist ungewöhnlich reich – und sie erklärt nebenbei zwei ganz alltägliche deutsche Wörter.

Physikalische und chemische Eigenschaften

Bernstein verhält sich in fast jeder Hinsicht anders als ein mineralischer Edelstein – und genau diese Abweichungen machen ihn prüfbar.

Weich und leicht

Mit einer Mohshärte von 2–2,5 lässt sich Bernstein mit dem Fingernagel gerade eben nicht, mit einer Kupfermünze aber sehr wohl ritzen. Seine Dichte liegt knapp über der von Wasser: In Süßwasser sinkt er, in gesättigter Salzlösung schwimmt er auf. Das ist die Grundlage des bekanntesten Echtheitstests – der allerdings Kopal nicht ausschließt, denn Kopal schwimmt ebenso.

Warm im Griff

Bernstein leitet Wärme schlecht. Er fühlt sich deshalb nie kalt an, anders als Glas oder ein mineralischer Stein gleicher Größe. Für die erste Einschätzung ist das ein brauchbares Indiz.

Der Elektrizitäts-Effekt

Bernstein hat einen sehr hohen elektrischen Widerstand. Reibt man ihn an Wolle oder Seide, lädt er sich elektrostatisch auf und zieht Papierschnitzel oder Haare an. Genau diese Beobachtung machten schon antike Naturforscher – und sie ist der Ursprung des Wortes Elektrizität.

Bernsteinsäure und das IR-Spektrum

Baltischer Succinit enthält 3–8 % Bernsteinsäure – deutlich mehr als andere fossile Harze. Im Infrarotspektrum zeigt er zudem einen charakteristischen Abschnitt, den Fachleute als „Baltische Schulter“ bezeichnen. Die IR-Spektroskopie ist damit die zuverlässigste Methode, baltischen Bernstein von anderen Herkünften und von Kopal zu unterscheiden – zerstörungsfrei und eindeutig.

Brennverhalten und Geruch

Bernstein lässt sich entzünden und brennt mit gelber, stark rußender Flamme; dabei duftet er harzig-aromatisch, weil ätherische Öle verbrennen. In Indien wird Bernstein aus diesem Grund als Räucherstoff verwendet. Kunstharz-Imitate riechen dagegen stechend chemisch. Für die Prüfung eines fertigen Schmuckstücks ist der Test unbrauchbar – er zerstört das Objekt.

Bernsteinarten – Succinit und die anderen

Weltweit sind über 80 fossile Harze wissenschaftlich beschrieben. Nur eines davon meint man im Alltag, wenn man „Bernstein“ sagt: Succinit, den baltischen Bernstein. Allein im Baltikum werden die verbliebenen Vorräte auf mehr als 640.000 Tonnen geschätzt.

In denselben Lagerstätten kommen jedoch weitere, seltenere fossile Harze vor – die akzessorischen Bernsteinarten. Sie sind seit dem 19. Jahrhundert bekannt und unterscheiden sich in Farbe, Härte und Chemie deutlich vom Succinit:

ArtMerkmaleVorkommen
SuccinitDer klassische Bernstein, 3–8 % Bernsteinsäure, gelb bis cognacfarbenBaltikum, Bitterfeld
GedanitWeicher und spröder als Succinit, wachsgelb, „mürber Bernstein“Baltikum
GlessitUndurchsichtig, dunkelbraun bis blaugrauBaltikum, Bitterfeld
BeckeritSehr zäh, undurchsichtig braun, ausgesprochen seltenBaltikum
StantienitTiefschwarz, stark sprödeBaltikum
BitterfelditErst in Bitterfeld beschrieben, der Glessitgruppe zugeordnetBitterfeld
SimetitSizilianischer Bernstein, 10–20 Mio. Jahre, rot bis grünlich fluoreszierendSizilien
RumänitDunkelbraun bis fast schwarz, durch Gebirgsbildung stark beanspruchtKarpaten, Sachalin
BirmitCa. 99 Mio. Jahre, Kreidezeit – reich an Wirbeltier-InklusenMyanmar (Kachin)
Libanon-BernsteinCa. 130 Mio. Jahre – die ältesten bekannten Inklusen überhauptLibanon

Die Namen Gedanit, Glessit, Beckerit und Stantienit tragen Handelsgeschichte in sich: Stantienit erinnert an Friedrich Wilhelm Stantien, der gemeinsam mit Moritz Becker – dem Namensgeber des Beckerits – 1875 bei Palmnicken das erste Bernsteinbergwerk der Welt errichtete.

Hinweis zu Birmit aus Myanmar: Bernstein aus dem Kachin-Staat gilt paläontologisch als Sensation, ist aber ethisch schwer belastet. Die Abbaugebiete liegen in einer Konfliktregion; die Society of Vertebrate Paleontology ruft seit 2020 zu einem Moratorium für wissenschaftliche Arbeiten an Material auf, das nach der militärischen Übernahme der Minen im Jahr 2017 gefördert wurde. Wer Birmit erwirbt, sollte Herkunft und Erwerbszeitpunkt lückenlos belegen können. Wir führen kein Material aus Myanmar.

Farben, Varietäten und Handelssorten

Bernstein ist nicht einfach „bernsteinfarben“. Die Farbskala reicht von fast farblos bis schwarz, und die Ursachen sind unterschiedlich: mikroskopische Gasbläschen, Beimengungen, Oxidation der Oberfläche oder – bei einigen Herkünften – Fluoreszenzeffekte.

Im Bergbau und in der Verarbeitung wird zusätzlich nach Handelssorten sortiert: klarer Bernstein, „Bastard“ (halbtrüb), „Knochen“ (opak) und „Schlaube“ (die verwitterte Außenkruste). Nur etwa 15 % des geförderten Materials eignen sich überhaupt für die Schmuckherstellung – der Rest wird gepresst oder industriell verwertet.

Vorkommen weltweit

Samland
Jantarny (ehem. Palmnicken), Kaliningrader Gebiet. Größter Tagebau der Welt, Abbau aus der Blauen Erde.
über 75 % weltweit
Danziger Bucht
Weichselniederung und Küstensedimente; Danzig ist seit Jahrhunderten Zentrum der Bernsteinverarbeitung.
Verarbeitung
Ukraine
Region Riwne und Klesow. Bedeutende Vorkommen, historisch stark von illegalem Abbau betroffen.
Herkunft prüfen
Bitterfeld
Sachsen-Anhalt. Deutsches Vorkommen, im Braunkohletagebau erschlossen, zu 99,9 % Succinit.
Deutschland
Dominikanische Republik
15–40 Mio. Jahre. Hohe Transparenz, außergewöhnliche Inklusenqualität, blau fluoreszierendes Material.
Sammlermarkt
Mexiko / Chiapas
Simojovelit. Rötlich bis grünlich, oft mit gut erhaltenen Einschlüssen.
selten im Handel
Sizilien
Simetit aus dem Flussgebiet des Simeto. Historisch berühmt, heute praktisch erschöpft.
historisch
Myanmar
Birmit aus Kachin, ca. 99 Mio. Jahre. Wissenschaftlich einzigartig, ethisch stark umstritten.
Konfliktregion

Der Unterschied zwischen den beiden für den Handel wichtigsten Herkünften – baltisch und karibisch – betrifft Alter, Farbe, Transparenz und Inklusenqualität gleichermaßen. Ausführlich im Vergleich: Bernstein Herkunft – baltisch vs. karibisch.

Inklusen – Leben im Harz

Einschlüsse im Bernstein heißen fachlich Inklusen (Einzahl: die Inkluse). Sie entstanden, als Tiere oder Pflanzenteile im frisch ausgetretenen, klebrigen Harz hängen blieben und überflossen wurden, bevor sie verwesen konnten. Was dabei konserviert wurde, ist kein Abdruck und kein versteinerter Rest, sondern das Tier selbst – dreidimensional, mit Beinbehaarung, Flügeladern und Facettenaugen.

Am häufigsten sind Zweiflügler: Mücken, insbesondere Trauer- und Zuckmücken, sowie Fliegen. Dazu kommen Ameisen, Käfer, Spinnen, Milben, Springschwänze und Blattläuse. Deutlich seltener sind größere oder schnellere Tiere – sie konnten sich meist befreien. Wirbeltier-Inklusen wie Eidechsen oder Federn sind Ausnahmeerscheinungen.

Pflanzliche Einschlüsse sind rarer als tierische. Eine Besonderheit des baltischen Bernsteins sind die Sternhaare der Eiche – winzige, sternförmige Blatthärchen, die als typisches Herkunftsmerkmal gelten. Auch Luft- und Wasserblasen sowie Pflanzenfasern zählen zu den Inklusen im weiteren Sinn.

Für Sammler entscheidend ist nicht die bloße Anwesenheit eines Tieres, sondern seine Vollständigkeit, Position, Sichtbarkeit und Seltenheit. Besonders gesucht sind sogenannte Aktionsstücke: Szenen, die einen Moment festhalten – ein Räuber mit Beute, zwei Ameisen im Kampf, Tiere in Kopula oder Phoresie, also Milben, die sich von einem größeren Insekt tragen lassen.

Vertiefend: Bernstein Inklusen – welche Tiere vorkommen und was sie wertvoll macht.

Behandlungen, Imitate und Handelsbezeichnungen

Kaum ein Edelsteinmarkt arbeitet mit so vielen missverständlichen Begriffen wie der Bernsteinhandel. Die folgende Übersicht trennt, was getrennt gehört.

BezeichnungWas es tatsächlich ist
NaturbernsteinUnbehandelt, höchstens geschliffen und poliert. Der eigentliche Sammlerwert.
RohbernsteinNaturbernstein mit unbearbeiteter Verwitterungskruste (Schlaube).
Geklärter BernsteinIm Öl- oder Sandbad erhitzt, um trübende Gasbläschen zu füllen. Chemisch dasselbe Material, gemmologisch aber behandelt.
Autoklavierter BernsteinUnter Hitze und hohem Druck in Schutzgas veredelt. Klarer und härter – die ätherischen Öle sind weitgehend ausgetrieben.
Pressbernstein / AmbroidBernsteinsplitter und -staub, bei 200–250 °C und bis zu 3.000 bar im Autoklav zu Blöcken verschmolzen. Ausgangsmaterial echt, Endprodukt rekonstruiert.
PolybernKein Bernstein im eigentlichen Sinn: Kunstharzmatrix mit eingelagerten Bernsteinsplittern, entwickelt beim VEB Ostseeschmuck Ribnitz-Damgarten.
„Echtbernstein“Werbebegriff ohne klare Definition. Sagt nur aus, dass Bernstein irgendwie enthalten ist – häufig Presswerkstoff.
KopalFossiles Harz, aber geologisch jung und nicht durchpolymerisiert. Weicher, löst sich in Aceton an.
Kunstharz-ImitatPolyester oder Epoxid, oft mit eingegossenen modernen Insekten als gefälschte Inkluse.

Ein häufig missverstandenes Merkmal sind die Sonnenflitter (auch Sonnenflinten): halbkreisförmige, goldglänzende Sprünge im Inneren. Sie wirken spektakulär, entstehen aber in aller Regel durch gezielte Hitzebehandlung. In unbehandeltem Bernstein sind sie ausgesprochen selten. Wer sie als Naturmerkmal angeboten bekommt, sollte nachfragen.

Deklaration ist Pflicht. Behandlungen und Rekonstruktionen müssen im Handel offengelegt werden – geklärter, autoklavierter und gepresster Bernstein ist kein Naturbernstein. Fehlt die Angabe, ist das kein Detail, sondern ein Warnsignal. Praxisnahe Prüfmethoden: Bernstein Echtheit prüfen  ·  Materialvergleich: Bernstein vs. Kopal und Kunstharz.

Bernstein finden an der Ostsee

Bernstein wird an der deutschen Ostseeküste bis heute angespült. Die besten Bedingungen entstehen nach Herbst- und Winterstürmen mit auflandigem Wind, wenn das Meer Sediment aufwühlt und Leichtes an den Strand trägt. Gesucht wird nicht zwischen den schweren Steinen, sondern im angespülten Seetang: Bernstein hat fast die Dichte von Wasser und landet dort, wo auch Holz und Tang liegen.

Ergiebige Abschnitte sind Usedom, Rügen und Hiddensee, der Darß mit dem Weststrand, Fehmarn sowie die Steilküsten der Lübecker und Hohwachter Bucht. Frühmorgens nach einem Sturm sind die Chancen am größten. Zwei Fehler kosten Anfänger regelmäßig den Fund: Nasses Material sieht fast immer aus wie Bernstein – beurteilen Sie erst im trockenen Zustand. Und der Schwimmtest funktioniert im Ostseewasser nicht, dessen Salzgehalt ist zu gering; es braucht eine gesättigte Lösung.

Sicherheitshinweis: Verwechslungsgefahr mit weißem Phosphor

An der Ostsee, besonders auf Usedom und in der Pommerschen Bucht, wird immer wieder weißer Phosphor aus Munitionsaltlasten angespült. Er sieht Bernstein zum Verwechseln ähnlich, entzündet sich bereits bei Körpertemperatur und verbrennt mit weit über 1.000 °C. Fundstücke gehören deshalb niemals in die Hosentasche oder eine Plastiktüte.

Nehmen Sie ein Metallgefäß mit Deckel mit und halten Sie die Funde feucht. Entzündet sich etwas, lässt sich der Behälter gefahrlos wegwerfen. Bei Brandverletzungen durch Phosphor: sofort den Notruf 112 alarmieren, betroffene Kleidung im Wasser entfernen und die Wunde mit nassem Sand oder Wasser bedecken.

Beachten Sie außerdem, dass in Naturschutzgebieten und an geschützten Küstenabschnitten nur geringe Mengen für private Zwecke gesammelt werden dürfen. Wo Geröllwälle dem Sturmflutschutz dienen, ist die Entnahme untersagt.

Bernstein in Geschichte und Kultur

Bernstein ist eines der ältesten Handelsgüter Europas. Schon in der Bronzezeit gelangte er über feste Routen von der Ostsee bis ans Mittelmeer – die Bernsteinstraßen. Bernsteinperlen aus dem Norden fanden sich in mykenischen Gräbern und in der Grabausstattung Tutanchamuns.

Im Mittelalter beanspruchte der Deutsche Orden das Bernsteinregal: Das Sammeln am Strand war der Bevölkerung verboten, Zuwiderhandlung wurde drastisch bestraft. Ab 1858 industrialisierte die Firma Stantien & Becker den Abbau; 1875 entstand bei Palmnicken das erste Bernsteinbergwerk der Welt, das 1890 bereits über 200 Tonnen jährlich förderte.

Das berühmteste Kunstwerk aus Bernstein bleibt das Bernsteinzimmer – 1701 in Preußen begonnen, 1716 an Zar Peter I. verschenkt, im Zweiten Weltkrieg nach Königsberg verbracht und seither verschollen. Eine Rekonstruktion steht seit 2003 im Katharinenpalast bei Sankt Petersburg. Mehr zur Kulturgeschichte: Bernstein Bedeutung – Geschichte, Handel und Symbolik.

Auch in der Volksmedizin und im Volksglauben spielte Bernstein über Jahrhunderte eine Rolle: als Amulett, als Räucherstoff, als vermeintliches Mittel gegen allerlei Beschwerden. Das ist Kulturgeschichte und historische Überlieferung – eine medizinische Wirksamkeit ist damit ausdrücklich nicht behauptet und wissenschaftlich nicht belegt.

Bernstein in der Wissenschaft

Für die Paläontologie ist Bernstein ein Glücksfall. Kein anderes Fossilisationsmedium konserviert weiche Körperteile so vollständig: Tiere, die als Abdruck in Gestein nie erkennbar wären, liegen im Harz dreidimensional vor. Ganze Insektengruppen sind ausschließlich aus Bernstein bekannt.

Ein hartnäckiger Irrtum betrifft die DNA. Die in den 1990er-Jahren veröffentlichten Berichte über Erbgut aus Bernstein-Inklusen ließen sich in späteren Studien nicht reproduzieren; sie gelten heute als Kontamination. DNA zerfällt selbst unter besten Bedingungen innerhalb von Zeiträumen, die um Größenordnungen unter dem Alter des Bernsteins liegen. Der Jurassic-Park-Gedanke bleibt Fiktion – was den wissenschaftlichen Wert der Inklusen in keiner Weise schmälert.

Alle Themen im Bernstein-Lexikon

Bernstein-Glossar A–Z

Ambroid
Handelsname für Pressbernstein. Aus Splittern und Staub unter Druck und Hitze rekonstruiertes Material.
Baltische Schulter
Charakteristischer Abschnitt im Infrarotspektrum, der baltischen Succinit eindeutig identifiziert.
Bastard
Handelssorte: halbtrüber Bernstein zwischen klar und opak.
Bernsteinsäure
Im baltischen Bernstein zu 3–8 % enthalten, in anderen fossilen Harzen deutlich weniger.
Blaue Erde
Graugrüne, glaukonithaltige Eozänschicht im Samland – die reichste Bernsteinlagerstätte der Welt.
Eridanus
Bezeichnung des Urstroms, der das Harz aus Fennoskandien in die Danziger Bucht transportierte.
Inkluse
Natürlicher Einschluss im Bernstein – Tier, Pflanzenteil oder Blase. Plural: Inklusen.
Knochen
Handelssorte: völlig undurchsichtiger, elfenbeinfarbener Bernstein.
Kopal
Junges, nicht durchpolymerisiertes fossiles Harz. Weicher als Bernstein, löslich in Aceton.
Phoresie
Transportbeziehung zwischen Tieren – etwa Milben auf einem Käfer. Als Inkluse besonders gesucht.
Polybern
Kunstharzmatrix mit eingelagerten Bernsteinsplittern. Kein Naturbernstein.
Schlaube
Verwitterte, matte Außenkruste eines Rohbernsteins.
Sonnenflitter
Halbkreisförmige, glänzende Sprünge im Inneren. Fast immer Ergebnis einer Hitzebehandlung.
Succinit
Wissenschaftlicher Name des baltischen Bernsteins und häufigste Bernsteinart der Welt.

Häufige Fragen zu Bernstein

Was ist Bernstein?
Bernstein ist fossiles Baumharz, das über Millionen von Jahren polymerisiert und ausgehärtet ist. Er besitzt keine Kristallstruktur und ist damit kein Mineral, wird im Handel aber als organischer Edelstein geführt – gemeinsam mit Perle, Koralle und Ammolit.
Wie alt ist Bernstein?
Baltischer Bernstein ist 44 bis 48 Millionen Jahre alt und stammt aus dem Eozän. Dominikanischer Bernstein ist mit 15 bis 40 Millionen Jahren jünger. Birmit aus Myanmar erreicht rund 99 Millionen Jahre, Libanon-Bernstein sogar etwa 130 Millionen Jahre.
Ist Bernstein ein Edelstein?
Mineralogisch nicht, denn Bernstein ist amorph und organischen Ursprungs. Im Edelsteinhandel wird er dennoch traditionell zu den Edelsteinen gezählt und bildet die Gruppe der organischen Edelsteine.
Wie erkennt man echten Bernstein?
Echter Bernstein schwimmt in gesättigter Salzlösung, fühlt sich warm an, lädt sich beim Reiben elektrostatisch auf und fluoresziert unter UV-Licht meist bläulich. Sicher ist keiner dieser Tests allein – Kopal besteht mehrere davon ebenfalls. Eindeutig ist nur die Infrarotspektroskopie.
Was ist der Unterschied zwischen Bernstein und Kopal?
Kopal ist ebenfalls fossiles Harz, aber geologisch deutlich jünger und noch nicht vollständig auspolymerisiert. Er ist weicher, empfindlicher und löst sich an einer mit Aceton betupften Stelle an – Bernstein nicht. Weil Kopal oft klarer ist, wirken Inklusen darin auf Fotos besonders eindrucksvoll.
Was ist eine Inkluse?
Eine Inkluse ist ein natürlicher Einschluss im Bernstein – meist ein Insekt, eine Spinne oder ein Pflanzenteil, das im frisch ausgetretenen Harz gefangen wurde. Der Plural lautet Inklusen. Am häufigsten sind Mücken und Fliegen, seltener Ameisen, Käfer und Spinnen.
Warum ist Bernstein so weich?
Mit einer Mohshärte von 2 bis 2,5 gehört Bernstein zu den weichsten Materialien im Schmuckhandel. Er besteht aus vernetzten organischen Molekülen, nicht aus einem Kristallgitter. Deshalb sollte er getrennt von anderen Steinen aufbewahrt und vor Reibung geschützt werden.
Was bedeutet geklärter oder gepresster Bernstein?
Geklärter Bernstein wurde erhitzt, um trübende Gasbläschen zu füllen. Pressbernstein oder Ambroid entsteht, wenn Bernsteinsplitter und -staub bei 200 bis 250 °C und bis zu 3.000 bar zu Blöcken verschmolzen werden. Beides ist chemisch echter Bernstein, aber kein Naturbernstein und muss im Handel deklariert werden.
Wo kann man Bernstein finden?
An der deutschen Ostseeküste vor allem auf Usedom, Rügen, Hiddensee, dem Darß und Fehmarn. Die besten Bedingungen herrschen nach Herbst- und Winterstürmen mit auflandigem Wind, gesucht wird im angespülten Seetang. Wichtig: An denselben Stränden wird auch weißer Phosphor aus Munitionsaltlasten angespült, der Bernstein ähnelt und sich bei Körpertemperatur entzündet. Funde gehören in ein Metallgefäß, niemals in die Tasche.
Warum leitet sich das Wort Elektrizität von Bernstein ab?
Der griechische Name des Bernsteins lautet ēlektron. Weil er sich beim Reiben an Wolle elektrostatisch auflädt und leichte Gegenstände anzieht, wurde dieses Phänomen im 17. Jahrhundert nach ihm benannt. Auch das Wort Glas geht auf eine Bernsteinbezeichnung zurück: das germanische glaesum.
Kann man aus Bernstein DNA gewinnen?
Nein. Entsprechende Berichte aus den 1990er-Jahren ließen sich in späteren Studien nicht reproduzieren und gelten heute als Kontamination. DNA zerfällt in Zeiträumen, die weit unter dem Alter des Bernsteins liegen. Der wissenschaftliche Wert der Inklusen liegt in der Morphologie, nicht im Erbgut.
Was ist blauer Bernstein?
Blauer Bernstein stammt überwiegend aus der Dominikanischen Republik. Der Effekt ist keine Körperfarbe, sondern Fluoreszenz: Vor dunklem Grund und im Auflicht schimmert das Stück blau, im Durchlicht bleibt es honigfarben. Natürlich blauer Bernstein ist selten und entsprechend gesucht.
Verwandte organische Edelsteine: Ammolit  ·  Perle  ·  Orthoceras  ·  Meteorit

Fazit

Bernstein ist das einzige Material im Edelsteinhandel, das seine Entstehungsgeschichte im Inneren mit sich trägt. Er ist weich, leicht, warm und elektrisch – lauter Eigenschaften, die kein Mineral in dieser Kombination zeigt. Wer ihn versteht, erkennt ihn: an der Dichte, am Geruch, am Verhalten unter UV-Licht und an dem, was in ihm eingeschlossen ist.