Gemmologisches Nachschlagewerk

Das Edelstein-Lexikon

Von Achat bis Zirkonia – 174 Edelsteine mit Bildern, gemmologischen Daten und ausführlichen Hintergrundartikeln.

Brillant · Proportionen

Proportionen des Brillanten und der Weg des Lichts

Die Facettenzahl macht den Brillanten aus, die Facettenwinkel machen ihn schön. Zwischen einem lebhaften und einem stumpfen Stein liegen oft nur zwei Grad am Unterteil — und die kann man nachrechnen.

Die Maße, auf die es ankommt

Alle Proportionen eines Brillanten werden in Prozent seines Rundistendurchmessers angegeben. Der Durchmesser ist also immer 100 %, und Tafel, Kronenhöhe, Pavillontiefe und Gesamthöhe werden daran gemessen. Das macht Steine unterschiedlicher Größe direkt vergleichbar.

Querschnitt durch einen BrillantenSeitenansicht mit den Proportionen von Tolkowsky 1919: Tafel 53 Prozent des Durchmessers, Kronenhöhe 16,2 Prozent, Kronenwinkel 34,5 Grad, Pavillontiefe 43,1 Prozent, Pavillonwinkel 40,75 Grad.Tafel 53 %Krone 16,2 %Pavillon 43,1 %34,5°40,75°TafelRundisteKaletteGesamthöhe 59,3 % zuzüglich Rundistenstärke
Querschnitt mit den Werten von 1919. Marcel Tolkowsky rechnete in Diamond Design eine Tafel von 53 %, eine Kronenhöhe von 16,2 % bei 34,5° Kronenwinkel und eine Pavillontiefe von 43,1 % bei 40,75° Pavillonwinkel aus. Gesamthöhe ohne Rundiste: 59,3 %.

Was bei falschen Winkeln geschieht

Damit Licht im Stein bleibt, muss es von innen flacher als 24,4° zur Facettennormalen auftreffen — das ist der Grenzwinkel der Totalreflexion beim Brechungsindex 2,417. Wird er unterschritten, tritt das Licht aus, statt zurückgeworfen zu werden. Genau das passiert, wenn der Pavillon zu flach oder zu tief geschliffen ist.

Lichtweg bei drei PavillonwinkelnDrei Querschnitte nebeneinander, in jedem vier senkrecht einfallende Strahlen im gleichen Abstand. Links bei 37 Grad verlassen die beiden äußeren Strahlen den Stein seitlich. In der Mitte bei 40,75 Grad halten beide Totalreflexionen, alle vier Strahlen kehren durch die Krone zurück. Rechts bei 43 Grad treten die beiden äußeren unten aus.zu flach • 37,0°2 von 4 Strahlen kehren zurückTolkowsky • 40,75°4 von 4 Strahlen kehren zurückzu tief • 43,0°2 von 4 Strahlen kehren zurück
Vier senkrecht einfallende Strahlen in gleichem Abstand, bei drei Pavillonwinkeln. Gerechnet mit Brechung nach Snellius, n = 2,417, und Totalreflexion oberhalb von 24,4°. Bei 37° verlassen die beiden äußeren Strahlen den Stein seitlich, bei 43° treten sie unten aus; nur bei 40,75° kehren alle vier durch die Krone zurück. Der Schnitt ist zweidimensional und ersetzt keine Schliffbewertung — er zeigt das Prinzip, nicht die Note.

In der Praxis haben die beiden Fehler eigene Namen. Ein zu flacher Pavillon erzeugt ein Fenster: man sieht durch die Tafel hindurch, statt Reflexe zu sehen, und bei sehr flachen Steinen spiegelt sich die Rundiste als grauer Ring in der Tafel — das sogenannte Fischauge. Ein zu tiefer Pavillon erzeugt einen Nagelkopf: die Mitte der Tafel bleibt dunkel, weil das Licht seitlich entweicht. Beide Steine wiegen mehr, als ihr Durchmesser vermuten lässt.

Nachgerechnet. Lässt man in demselben Schnitt senkrecht einfallende Strahlen über die ganze Tafelbreite wandern, kehren zwischen 39° und 42° Pavillonwinkel alle zurück; darunter und darüber geht ein wachsender Teil verloren. Der von GIA als Excellent bewertete Bereich von 40,6° bis 41,8° liegt mitten darin.

Die Bereiche der Schliffbewertung

GIA prüft seit Januar 2006 acht Proportionswerte am runden Brillanten. Die folgende Tabelle nennt die Bereiche, die für sich genommen zur besten Note passen. Die Note selbst ergibt sich nicht aus einzelnen Werten, sondern aus ihrem Zusammenspiel: eine steile Krone verträgt einen anderen Pavillonwinkel als eine flache.

MaßBereich für ExcellentWas es steuert
Tafelgröße52 – 62 %Große Tafel: mehr Helligkeit, weniger Farbspiel. Kleine Tafel: umgekehrt.
Kronenwinkel31,5 – 36,5°Zerlegung des Lichts in Spektralfarben, das sogenannte Feuer.
Kronenhöhe12,5 – 17,0 %Folgt aus Tafel und Kronenwinkel; zu niedrig wirkt der Stein flach.
Pavillonwinkel40,6 – 41,8°Der wichtigste Einzelwert. Er entscheidet über beide Totalreflexionen.
Gesamthöhe57,5 – 63,0 %Verhältnis von Gewicht zu Durchmesser. Hohe Werte bedeuten versteckten Gewichtsballast.
Sternfacettenlänge45 – 65 %Feinheit des Musters im oberen Drittel.
Länge der unteren Rundistfacetten70 – 85 %Kleinteiligkeit der Reflexe, das sogenannte Funkeln.
Rundistenstärke2,5 – 4,5 %Zu dünn: bruchgefährdet. Zu dick: unnötiges Gewicht im Rand.
Kalettekeine bis kleinGroße Kaletten erscheinen als heller Punkt in der Tafelmitte.

Tolkowsky und die Wirklichkeit

Marcel Tolkowsky veröffentlichte seine Rechnung 1919 in London. Sie war zweidimensional, ging von einer Rundistenstärke von null aus und betrachtete einen einzelnen Lichtweg. Trotzdem liegt sein Pavillonwinkel von 40,75° bis heute mitten im besten Bereich. Sein Wert für die Tafel — 53 % — gilt dagegen inzwischen als klein; im Handel sind 55 bis 58 % üblich, weil eine größere Tafel den Stein heller und optisch etwas größer wirken lässt.

Dass Tolkowsky den Brillantschliff erfunden hätte, ist eine Verkürzung. Der runde Vollschliff war um 1910 bereits in Gebrauch; Tolkowsky hat ihn gerechnet und damit begründet. Mehr dazu auf der Seite zur Geschichte des Schliffs.

Was Proportionen nicht leisten

Eine Proportionsliste ist kein Ersatz für das Ansehen des Steins. Zwei Brillanten mit identischen Zahlen können unterschiedlich wirken, weil Facettenkanten nicht exakt zusammentreffen, weil die Tafel leicht verkantet sitzt oder weil die Politur Schleifspuren trägt. Diese Merkmale gehören zur Schliffbewertung, nicht zu den Proportionen.

Die eine Zahl

Wenn man sich nur einen Wert merken will: der Pavillonwinkel. Er sollte zwischen 40,6° und 41,8° liegen. Alles andere lässt sich ausgleichen, dieser Winkel nicht.

Quellen: GIA, The GIA Diamond Cut Grading System for Round Brilliant Cut Diamonds · Marcel Tolkowsky, Diamond Design, London 1919 · GIA, 4Cs – Diamond Cut

Häufige Fragen

Welcher Pavillonwinkel ist der richtige?
Zwischen 40,6 und 41,8 Grad. Tolkowsky rechnete 1919 den Wert 40,75 Grad aus, der bis heute mitten in diesem Bereich liegt.
Was bedeutet Gesamthöhe in Prozent?
Die Höhe des Steins von der Tafel bis zur Kalette, gemessen in Prozent seines Durchmessers. 57,5 bis 63 Prozent gelten als gut; höhere Werte bedeuten, dass Gewicht in der Tiefe steckt, das man von oben nicht sieht.
Warum wirkt ein flacher Brillant glasig?
Weil das Licht an der Unterseite den Grenzwinkel von 24,4 Grad unterschreitet und austritt, statt zurückgeworfen zu werden. Man sieht durch den Stein hindurch; das nennt man ein Fenster.
Ist eine große Tafel gut oder schlecht?
Weder noch. Eine große Tafel bringt mehr Helligkeit, eine kleine mehr Farbspiel. Zwischen 52 und 62 Prozent ist beides in einem ausgewogenen Verhältnis.